Lernen mit dem iPad?

Man liest es allenthalben: Lernen mit dem iPhone und iPad ist der ganz heiße Scheiß. Überall (hier, hier und hier) werden Seminare, Workshops und Fortbildungen angeboten, wie man die Apple Geräte für das Lernen nutzt, oder es wird gleich in der Lehre eingesetzt. Mobile Learning, Personal Learning Environment sind die Stichworte schlechthin. Schön und gut. Aber warum muss man immer wieder die Abhängigkeit von gewissen Geräten propagieren, wenn es ums E-Learning geht? Geräte-unabhängiges E-Learning wäre doch viel besser, oder etwa nicht?

iPad Dolphin

A dolphin uses the iPad for communication, click image to see the press release

Die letzte Frage ist ja wohl rhetorisch, oder? Natürlich sollte es besser sein, wenn man auf Lerninhalte von überall mit jedem Gerät zugreifen kann. Dass man dabei bestimmte Einschränkungen in Kauf nehmen muss, wenn man Lerneinheiten mit einem Smartphone mit der Displayauflösung von 320*240 Pixeln anschaut, ist schon klar. Idealerweise sollte zwar ein Stylesheet für mobile Endgeräte vorhanden sein, das die Lerninhalte für diese Geräte didaktisch sinnvoll aufbereitet. Aber ganz ehrlich: Wer bietet sowas schon an? Ein kurzer Test mit meinem Handy bei der ILIAS-Installation der Uni Marburg ergab jedenfalls gerade, dass eine Optimierung für kleine Displays nicht vorhanden ist.

Ist die Frage also rhetorisch? Ist es besser mit dem iPad zu lernen, als mit irgendeinem beliebigen mobilen Endgerät, von denen in der Presse sowieso nicht geredet wird? Keiner will wissen, welche tollen Geräte Toshiba, Sony, Samsung oder Lenovo herausbringt. Aber alle wollen wissen, wie Apple uns mal wieder zehn Jahre in die Zukunft katapultiert… Aha, da haben wir ja schon den ersten Grund von meiner kleinen Sammlung von Gründen, warum man das iPad zum Lernen braucht (Achtung: nicht immer ganz ernst gemeint!).

Grund Nummer 1: Ein paar Krümel vom Publicity-Kuchen

Wir (d.h. diejenigen, die sich in der Hochschullandschaft mit dem Thema E-Learning beschäftigen) brauchen das iPad, um unsere ohnehin unterfinanzierte Situation nicht ganz aufgeben zu müssen. Bei Politikern macht es sich immer ganz gut, wenn man beweisen kann, dass die Lehre/Forschung tatsächlich was mit dem wirklichen Leben zu tun hat. Das wirkliche Leben ist in der Politik: Publicity. Und am besten natürlich gute Publicity. Die meisten Apple-Produkte liefern genau das: gute Publicity. Apple ist ein wahres Marketingwunder und ich kann nicht aufhören, die Marketingabteilung von Apple als die beste der Welt herauszustellen. Die Message von Apple: „Unsere Produkte können zwar nicht, was du willst, aber wir machen, dass du das dann gar nicht mehr willst.“

Wir müssen aufpassen, dass diese Message nicht zu den Politikern durchdringt, falls das nicht schon längst der Fall ist.

Grund Nummer 2: Apple möchte mit uns Geld verdienen und uns dann was abgeben – Wir können also Geld verdienen

Ich weiß, ich bin ein armes Würstchen. Ich glaube noch an den Traum, dass so etwas wie Creative Commons tatsächlich funktionieren kann. Ach ja,… *SEUFZ*

Im Ernst, Apple verdient 30% an jeder App, die sie über ihren Store vertreiben. Um eine App im Store zu vertreiben, muss man Teil des Developer Programms sein und 99 bzw. 299 € jährlich bezahlen. Das ist übrigens beim Google Android Market genauso, mit dem Unterschied, dass das Registrieren einmalig 25 US-$ kostet.

Was ich damit sagen möchte: Apple verdient erstmal kräftig mit, ohne dass etwas über den Erfolg der App gesagt wäre. Bei der ohnehin äußerst klammen Situation an den (hessischen) Hochschulen kann sich das doch keiner ernsthaft leisten, oder? Ach so, ja, Fremdinhalte. Habe ich fast vergessen. Natürlich muss man ja nichts selbst machen, sondern kann seine Studis die Apps kaufen lassen. Falls sie ein iPhone oder iPad haben… Naja,…

Grund Nummer 3: Lerninhalte sollten so leicht zugänglich sein wie möglich

Aha, jetzt geht’s ans Eingemachte. Aber Moment mal, so leicht zugänglich wie möglich? Was bedeutet das eigentlich? Es bedeutet nicht unbedingt, dass sie nichts kosten dürfen. Natürlich kann man die Lerninhalte gegen Geld zur Verfügung stellen und zwar nicht nur, wenn man eine Firma ist, sondern auch, wenn man eine Universität ist. (Haha, werden einige sagen, verschwindet dieser Unterschied nicht gerade?) Wir tun das gerade mit der Einrichtung von Zertifikatskursen und einem Online MA, den man berufsbegleitend studieren soll.

Leicht zugänglich bedeutet, dass man jederzeit von überall ohne technische Probleme auf die Inhalte zugreifen kann. Und dabei ist das iPad wirklich eine Good Practice Lösung. Die Bedienung des Geräts und damit der Zugang zu den Inhalten bei gut gemachten Apps ist so intuitiv wie schon lange nichts mehr war. Allerdings gibt es ja gerade eine Studie zum Thema „Making things hard to read ‚can boost learning‘„. Hoffentlich gibt es nicht bald auch eine Studie zum Thema „Making thing hard to access ‚can boost learning'“.😉

Aber hier darf man einen anderen Aspekt nicht vergessen: Gibt es schon eine ILIAS-App? Nein. Eine WebCT-App? Ja, von der Iowa State University. Es gibt tatsächlich eine Blackboard App, sieht auch super aus. Allerdings hat man es mit der Tafel- und Pinnwand-Metapher ein bisschen zu arg getrieben. Das heißt, dass die Lerninhalte wohl doch nicht so einfach zugänglich sind wie zuerst gedacht. Natürlich kann man jederzeit die Inhalte mit einem Browser erreichen. Aber eine App bietet doch den Vorteil genau auf das Endgerät zugeschnitten zu sein, man muss sie nur erst einmal haben.

Man darf also weiterhin gespannt sein, wohin sich der Trend entwickelt.

Im Übrigen sollte man sich auch erst einmal fragen, ob denn die Basisinhalte schon an die Studierenden vermittelt worden sind, bevor man die neueste Technik auf sie loslässt. Wie sieht es denn aus mit einer Internetrecherche? Unsere Erfahrungen sind, dass die Studierenden uns seltsam anschauen, wenn man ihnen sagt, dass es auch eine zweite und manchmal dritte Ergebnisseite bei Google gibt. Bevor man sich also auf den heißen Scheiß stürzt, sollte man die Grundlagen vermittelt haben.

An English version of this article will be published at elearning-blog.org

Making things hard to read ‚can boost learning‘

Ein Gedanke zu “Lernen mit dem iPad?

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