Das ICM als Modell für die praxisnahe Ausbildung im Lehramt

Das Inverted Classroom ModelDieser Text ist ein Auszug aus meinem Artikel für den von Jürgen Handke und mir herausgegebenen Band „Das Inverted Classroom Model: Begleitband zur ersten deutschen ICM-Konferenz“, der im Oldenbourg Verlag erschienen ist. Weitere Informationen zum Buch finden Sie auf den Seiten des Oldenbourg Verlags.

Abstract

An der Philipps-Universität Marburg wird im Lehramtsstudium Englisch ein Modul zu den Neuen Medien im Unterricht angeboten. Darin nutzt eine Übung zur Medienproduktion die Vorteile des Inverted Classroom Models, um die praktische Arbeit der Gestaltung von multimedialen Unterrichtsmaterialien mit vorgeschalteten theoretischen Online-Lerneinheiten zu fundieren. Der vorliegende Beitrag zum ICM-Tagungsband beschreibt die Kursstruktur und gibt einen Bericht, welche Erfahrungen mit dieser Struktur gesammelt werden konnten.

Ausgangssituation: Neue Medien im Fremdsprachenunterricht

Das Internet bildet für Fremdsprachenlehrkräfte eine unerschöpfliche Quelle an Möglichkeiten. Von fremdsprachlichen Tageszeitungen über umfassende Wörterbücher bis hin zu Kommunikationsmöglichkeiten mit Muttersprachlern reicht eine Palette, die den Unterricht erweitern und auch die Vermittlung von Sprachkompetenz qualitativ verbessern kann. Eine Reihe von Publikationen beschreibt die Vorteile, die das Internet für das Fremdsprachenlernen mit sich bringt (vgl. Klippel et al. 2007, Kranz/Tiedemann 2000, Legutke et al. 2003, Schäfer 2009). Die Überlegungen, die weitgreifenden Veränderungen in der Fremdsprachendidaktik, die die angesprochenen Möglichkeiten mit sich bringen, in die Englischlehrerausbildung an der Philipps-Universität Marburg einfließen zu lassen, mündeten in der Entscheidung ein eigenes Modul zu erstellen. Das Modul „Neue Medien im Fremdsprachenunterricht“ (NMFS) in Lehramtsstudiengang Englisch umfasst das Proseminar „New Media in Foreign Language Education“ (NMFLE) und die Übung „Medienproduktion“ (MP). Während sich das Proseminar eher mit den theoretischen Aspekten des Einflusses der Neuen Medien auf die Fremdsprachendidaktik im Fach Englisch beschäftigt, zielt die Übung auf einen praktischen Ansatz: Wie können die Möglichkeiten des Internet effizient und gewinnbringend im Unterricht eingesetzt werden und welche Werkzeuge eignen sich für welche Aufgabe?

Die zu vermittelnden Inhalte sind in Hessen von der Steuerungsgruppe Neue Medien des Amts für Lehrerbildung, des Kultusministerium, der Hessischen Universitäten und der Hessischen Studienseminare in einer Empfehlung festgehalten worden. Das Medienkompetenzzertifikat beschreibt, welche Kompetenzen sowohl im Studium als auch im Vorbereitungsdienst und berufsbegleitend im Bereich der Neuen Medien erworben werden sollten. Die Inhalte des Moduls MNFS beruhen auf den Teilen des Medienkompetenzzertifikats, die im Studium erlangt werden sollen. Dazu gehören die Bereiche Mediennutzung, Didaktik und Methodik des Medieneinsatzes und Medientheorie & Mediengesellschaft. Die Bereiche Medien & Schulentwicklung und Lehrerrolle & Personalentwicklung sollen in den Phasen 2 und 3 der Ausbildung angesprochen werden.

Für das Modul NMFS wurde die Aufteilung so geplant, dass sich das Proseminar vor allem – aber nicht nur – mit den Bereichen Didaktik und Methodik und Medientheorie & Mediengesellschaft auseinandersetzt, während die Übung vor allem – aber nicht nur –  die Mediennutzung zum Kern hat.

Neben den Anforderungen der Steuerungsgruppe gab es Gespräche mit dem Marburger Studienseminar und verschiedenen Schulen. In den Gesprächen mit dem Studienseminar wurden bestimmte Fähigkeiten angesprochen, die von den LiVs bereits mitgebracht werden sollten, damit die Studienseminare nicht die Zeit aufwenden müssen, alle auf einen Stand zu bringen. Mit den Schulen wurde besprochen, welche Fähigkeiten für Lehrer im Bereich der Neuen Medien heute unerlässlich sind. Die Gesprächsergebnisse flossen in die Entwicklung der Inhalte der beiden Kurse ebenfalls ein.

Ein dritter Faktor, der bei der Gestaltung der beiden Kurse wichtig wurde, ist eine kontinuierliche Erhebung der Defizite von Studierenden im Bereich der Neuen Medien durch eine Selbsteinschätzung, die im Proseminar NMFLE am Anfang und Ende jedes Semesters durchgeführt wird. Dadurch kann auf sich ändernde Voraussetzungen bei den Studierenden eingegangen werden. (Schäfer, 2011)

Für die Übung MP ist es unerlässlich, bestimmte theoretische Voraussetzungen, die im Folgenden beschrieben werden sollen, vor die praktische Umsetzung in Fallbeispielen zu setzen. Mit der Bereitstellung der theoretischen Inhalte im Sinne des Inverted Classroom Modells gehen idealerweise verschiedene Vorteile einher:

  • Die Studierenden sind für die Fallbeispiele vorbereitet, sodass Sie in Teams an Aufgaben arbeiten können, die die theoretischen Inhalte umsetzen.
  • Die Studierenden können die Inhalte in der praktischen Umsetzung reflektieren und ein tieferes Verständnis erlangen.
  • Die Aktivierung von Studierenden gestaltet sich einfacher als bei der Vermittlung theoretischer Inhalte in der Präsenzphase. Die Studierenden haben ein aktiveres Interesse an der praktischen Umsetzung.

Die Übung Medienproduktion

Der Kurs Medienproduktion zielt auf den Erwerb praktischer Kompetenzen im Bereich der Erstellung moderner Unterrichtsmedien ab, ohne dabei die Diskussion des didaktischen Nutzens außen vor zu lassen. Dabei werden Kenntnisse sowohl in der didaktischen und inhaltlichen Strukturierung und Gestaltung von Medien als auch deren gewinnbringenden Einsatz im Unterricht vermittelt. Themen des Kurses sind:

  • Strukturierung von Lernmaterialien
  • Designgrundlagen
  • Textproduktion
  • Erstellung multimedialer Elemente
  • Einsatz von Interaktiven Whiteboards
  • Präsentationen als Prüfungsleistungen

Die Gesamtauflistung der Lerneineinheiten ist in folgendem Screenshot zu sehen.

Liste der Lerneinheiten der Übung Medienproduktion

Liste der Lerneinheiten der Übung Medienproduktion

Die Struktur des Kurses folgt prinzipiell dem Inverted Classroom Modell. Die theoretischen Inhalte werden den Studierenden in virtuellen Lerneinheiten vermittelt, die sie auf die praktisch orientierte Präsenzphase vorbereiten soll. Eine Lerneinheit ist aufgeteilt in eine sogenannte Virtuelle Sitzung und ein Arbeitsblatt, das entweder unbenotet oder benotet ist. Die praktische Phase bezieht sich auf die Inhalte der Virtuellen Sitzung, manchmal explizit, manchmal eher implizit. Die virtuelle Komponente wird über das Virtuelle Zentrum für Lehrerbildung bereitgestellt, eine Lernplattform, die sich der Aus- und Weiterbildung von Lehramtsstudierenden, LiVs und Lehrkräften im Bereich der neuen Medien widmet. Die virtuelle Lerneinheit soll von den Studierenden in der Woche vor der nächsten Präsenzphase erarbeitet werden. Dabei wurde zunächst von Mitteln abgesehen, die Studierenden tatsächlich dazu zu bringen, etwa durch die Verpflichtung jeweils Arbeitsblätter zu der Sitzung zu bearbeiten, deren Abgabefrist dann vor der Präsenzphase endet. Möglich wäre ein solches Szenario aber durchaus.

Der Bezug der Virtuellen Sitzung zur Präsenzphase war wie beschrieben teils explizit, teils implizit. So beschäftigte sich beispielsweise die erste Lerneinheit mit der Strukturierung von Lernmaterialien, die dazu gehörige praktische Übung thematisierte die Transformation eines schlechten Arbeitsblatts in ein gutes. Implizit war die Verzahnung von Lerneinheit und Präsenzphase, wenn etwa Designgrundlagen thematisiert wurden und danach zur Anwendung in der Produktion eines Poster kommen sollten.

Da die Erfahrung zeigt, dass einige Studierende die Sitzungen nicht bearbeitet hatten und dementsprechend das Wissen zur Bearbeitung der praktischen Übungen fehlte, muss überlegt werden, wie dem entgegnet werden kann. Darüber hinaus gab es seitens der Studierenden manchmal Schwierigkeiten, den impliziten Zusammenhang zwischen Virtueller Sitzung und Präsenzphase von sich aus zu erkennen. Theoretische Vorgaben aus der Virtuellen Sitzung wurden dann nicht in dem Produkt der praktischen Übung erkennbar umgesetzt. Die Studierenden konnten ihr Handeln auch teilweise nicht aus einer Beobachterperspektive reflektieren. Diese Aspekte mussten dann vom Kursleiter noch einmal genauer herausgearbeitet werden.

Weitere Themen des Artikels im Buch:

Die Verzahnung von Online- und Präsenzphasen

Prüfungsleistungen

Fazit aus den Erfahrungen mit dem ICM

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Jürgen Handke, Alexander Sperl (Hrsg.)

Das Inverted Classroom Model – Begleitband zur ersten deutschen ICM-Konferenz

2012. XVI, 165 S., broschiertISBN 978-3-486-71652-8

€ 59,80

2 Gedanken zu “Das ICM als Modell für die praxisnahe Ausbildung im Lehramt

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