Das ICM als Einstiegsdroge für eine neue Lern- und Lehrkultur

Inverted Classroom LogoNaja, ok… Ich gebe zu, dass die Überschrift etwas plakativ ist. Sie greift aber ein Fazit auf, das Karlheinz Pape vor geraumer Zeit beim Abschluss der ICM-Tagung in Marburg gezogen hat. Pape sagte sinngemäß, dass für ihn die Erkenntnis aus der Tagung ist, dass das ICM einen Übergang zu einer neuen Lern- und Lehrkultur darstellt, die sich in den nächsten Jahren in allen Bereichen der Bildung durchsetzen wird. Dementsprechend wurde von anderer Seite auch vorgeschlagen, dass die Tagung vielleicht noch im nächsten Jahr Inverted Classroom heißen kann, dann aber anders betitelt werden sollte, da man nicht immer nur Camtasia lernen könne. Das ist sicherlich überspitzt formuliert, aber weist auf einen wichtigen Faktor im Bildungsbereich hin: Man muss sich weiterentwickeln können.

Für mich war auch noch ein anderer Aspekt der Tagung enorm bedeutend, auch wenn ich den vielleicht in diesem Artikel nicht ganz zu Ende denken kann – obwohl ich nun wirklich einige Zeit hatte das zu tun. Ich bin mir auch nicht sicher, ob dieser Aspekt nicht schon Thema längerer Abhandlung ist. Es geht um die – man muss fast schon sagen: krasse – Diskrepanz zwischen Schuldidaktik und Hochschuldidaktik. Vielleicht sollte man das auch unter dem Schlagwort „Weiterentwicklung“ ablegen, die Frage ist nur, was sich weiterentwickeln muss und ich versuche mich hier mal in einer Antwort.

Der Konferenztag startete mit drei Vorträgen, die allesamt sehr gut waren. Wann hat man das schon mal, das alle drei Plenumsvorträge gut sind😉. Im Ernst: Auf jeweils andere Weise haben mir diese Vorträge einen Anstoß gegeben, über das Thema dieses Blogartikels nachzudenken. Ich möchte inhaltlich nicht detailliert auf die Vorträge eingehen, es lohnt sich aber, sie sich mal anzuschauen, sie sind als Stream bei der Uni Marburg verfügbar. Zusammenfassend kann man sagen, dass Jörn Loviscach seine einfache und mit relativ wenig Aufwand nachzubauende Methode der Lehrvideos vorstellte, Brian Bennett für eine immer stärkere Aktivierung von Schülerinnen und Schülern plädierte und dabei den sehr interessanten Dan Meyer vorstellte und Daniel Bernsen seine interessante Entwicklung seit der letzten ICM Tagung skizzierte, die in seinen hervorragenden Geschichtsvideos resultierte.

Aus diesen drei Vorträgen konnte man schon einen roten Faden spinnen, oder besser gesagt: konnte ich meinen roten Faden spinnen. Die Hochschuldidaktik und die Schuldidaktik (sowohl die deutsche als auch die amerikanische) treffen sich beim ICM bei einem Thema, an das sie sich von zwei entgegengesetzten Seiten annähern zu scheinen. Die Hochschuldidaktik hat es meist mit ihrem Nicht- bis Kaumvorhandensein zu tun und kümmert sich um Probleme wie Massenveranstaltung, Heterogenität und Notengenerierung (aufgrund von Bologna-Gegebenheiten). Die Schuldidaktik dagegen durchzieht jede Faser des Handelns einer Lehrkraft und kümmert sich um Heterogenität, Methodenvielfalt und Lernerfolg. Natürlich bestätigen Ausnahmen diese von mir etwas frech aufgestellt These. Nicht jeder Hochschullehrer vermeidet Didaktik und nicht jeder Schullehrer handelt didaktisch. Grundsätzlich ist es aber schon von der Ausbildung her so angelegt, dass die Schuldidaktik näher am späteren Ausgebildeten ist als die Hochschuldidaktik. Mittlerweile gibt es viele Ansätze das für die Hochschule zu ändern. Aufgrund der räumlich Nähe möchte ich hier nur das HDM nennen, aber an allen Universitäten gibt es Programme, die der Hochschuldidaktik einen größeren Stellenwert an der Uni erkämpfen.

Insofern ist das ICM tatsächlich eine Einstiegsdroge für vor allem die Hochschuldidaktik, sich über – meines Erachtens – überkommene Veranstaltungsformen wie der Vorlesung hinweg zu setzen und sich sinnvolleren Formen zu widmen. Die Vorlesung, das muss man sich immer wieder vor Augen halten, ist ein Konzept aus dem Mittelalter, als sich niemand die Bücher leisten konnte und vorne jemand das Buch vorlas. Ich habe während meines Studiums viele Vorlesungen erlebt und nur eine Handvoll, bei denen dieses mittelalterliche Prinzip nicht übernommen wurde. Wenn man so etwas im Freundes- oder Kollegenkreis erzählt, herrscht allgemeines, zustimmendes Kopfnicken. Ich habe jedenfalls noch niemanden erlebt, der oder die es so nicht erlebt haben.

Wichtig ist, dass nicht nur einzelne Personen wie Handke, Loviscach, Spannagel diese Strukturen aufbrechen, sondern dass sich das flächig durchsetzt. Auch und vor allem im Interesse der Dozierenden, die nicht mehr in die zuklappenden Augen ihrer Studierenden schauen müssen.

Ja, ich weiß. Schrecklich subjektiv das alles hier. Aber dafür ist ein Blog ja schließlich da.

3 Gedanken zu “Das ICM als Einstiegsdroge für eine neue Lern- und Lehrkultur

  1. Reblogged this on nataliekiesler and commented:
    Alexander Sperl war in diesem Jahr einer der Referenten bei der ICM Konferenz am 26. und 27. Februar 2013 in Marburg. In seinem Blog fasst er seine Gedanken und Schlüsse zur ICM 2013 zusammen und greift dabei vor alleam die Diskrepanz zwischen Hochschuldidaktik und Schuldidaktik als Thema auf.

  2. Reblogged this on Inverted Classroom in Deutschland and commented:
    Alexander Sperl war in diesem Jahr einer der Referenten bei der ICM Konferenz am 26. und 27. Februar 2013 in Marburg. In seinem Blog fasst er seine Gedanken und Schlüsse zur ICM 2013 zusammen und greift dabei vor allem die Diskrepanz zwischen Hochschuldidaktik und Schuldidaktik als Thema auf.

  3. Pingback: ICM – Es geht immer noch ein bisschen mehr… | Weblog: Alexander Sperl

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