ICM – Es geht immer noch ein bisschen mehr…

Die dritte Konferenz zum Thema „Inverted Classroom Model“ fand am 26. Februar an meiner alten Wirkungsstätte in Marburg statt. Beim ersten Durchgang war ich noch selbst bei der Organisation beteiligt, beim zweiten immerhin noch mit einem Workshop dabei, nun aber habe ich eher „passiv“ teilgenommen. War auch mal ganz schön, denn die Konferenz war hervorragend organisiert und von Inhalt und Ablauf sehr gut. Ich will versuchen, die Gedanken zu ordnen, die ich während der Vorträge und Workshops aufgeschrieben habe. Vielleicht kommt ja ein brauchbarer Blogartikel dabei heraus.

Tenor der Konferenz war so ein bisschen, dass es immer noch ein paar Stellschrauben gibt, mit denen man die Umsetzung des Konzepts verbessern kann. Neue Möglichkeiten kommen hinzu, Erfahrungen werden gemacht und all dass mündet in einer Verfeinerung, die hier und da schon sehr beeindruckend ist aus meiner Sicht. Wichtig dabei ist, dass man als Lehrende(r) nicht stehen bleibt, so wie es früher öfter der Fall war. Die Studierenden ändern sich, die Möglichkeiten ändern sich und die Inhalte ändern sich natürlich auch. Da kann man sich leider nicht zurücklehnen, aber ich denke, dass diejenigen, die gerne lehren, sich auch gar nicht zurücklehnen wollen.

Eröffnet wurde der Konferenztag von Prof. Handke, mein ehemaliger Chef und frisch gebackener Zweiter des Hessischen Hochschulpreises für Exzellenz in der Lehre. Er ging dabei auf die Tatsache ein, dass es für ein Phänomen zwei Bezeichnungen gibt: Flipped Classroom und Inverted Classroom. Der Vorschlag war, den Begriff Flipped Classroom für den Schulbereich zu benutzen, während Inverted Classroom eher für den Hochschulbereich reserviert sein sollte. Das zweitere hört sich ja auch ein bisschen seriöser und wenig verspielt an. Eine Zusammenfassung hat Prof. Handke auf YouTube bereitgestellt. Dennoch ist ein Konzept gemeint, das vor allem die Präsenzphasen freischaufeln kann für Aktivitäten, die früher nicht oder nur begrenzt möglich waren.

Die Konferenz wurde dann mit einem Vortrag von Ralph Müller-Eiselt von der Bertelsmann Stiftung eröffnet, der zu Trends und Treibern der Digitalisierung der Lehre sprach. Ausgangspunkt war die Annahme, dass sich Bildung verändern muss, weil Technik unser tägliches Leben immer mehr beeinflusst. Wenn man sich die Schulen und Hochschulen heutzutage anschaut, die Schülerinnen und Schüler und die Studierenden, die mir allen möglichen Endgeräten über Schulhof und Campus laufen, dann hat die Forderung nach Digitalisierung der Bildung durchaus eine Berechtigung. Auch wenn ich, wie ich zugeben muss, zuerst einmal reflexartig daran gezweifelt habe, dass die Digitalisierung der Gesellschaft automatisch eine solche der Bildung nach sich zieht. Was Wissen und Können ist und wie man es sich aneignet, schien mir im ersten Moment immer schon etwas abgetrennt von der Realität. Dann aber ist wieder die Frage: Welche Realität denn? Ich befand mich also in einer Sackgasse und musste einen anderen Weg nehmen.

Die Digitalisierung der Gesellschaft hat durchaus einen direkten Einfluss auf die Bildung, da die Lehrenden gar nicht umhin können, als den Studierenden beizubringen, warum der Artikel auf Wikipedia entweder zu detailliert (häufig bei Referaten in Schulen der Fall) oder zu oberflächig (oft bei Referaten in Hochschulen der Fall) ist. Die Beschäftigung mit den Angeboten in Web wird den gleichen Stellenwert einnehmen, wie die Beschäftigung mit Büchern und auf absehbare Zeit diese überholen. Vielleicht wird man in naher Zukunft auch einiges in dem Blog der Stiftung mit dem Titel Digitalisierung der Bildung nachlesen können.

Zwei weitere Aspekte fand ich bei dem Beitrag von Herrn Müller-Eiselt interessant. Zum einen kannte ich noch nicht die anfänglichen Bemühungen verschiedener Websites, informelles Lernen zu sammeln und zu validieren. Genannt wurden dabei degreed.com in den USA und das deutsche Pendant achieved.co. Beide Sites sehen interessant aus und ich werde unseren Forscherinnen und Forschern im Bereich Anerkennung die Links mal weiterleiten.

Der andere Aspekt war allerdings ziemlich diskussionswürdig. Herr Müller-Eiselt zog einen Vergleich zwischen der immer ausgeprägteren Personalisierung von Konsum mit einer Personalisierung von Bildung. Ein Beispiel dafür ist sicherlich das neue Schlagwort POOC, wobei ich als Anglist so meine Probleme mit der Abkürzung habe. MOOC war ja noch ganz niedlich, aber POOC? Egal, was mir eigentlich problematisch vorkommt ist, dass die Personalisierung von Konsum kaum mit der Personalisierung von Bildung verglichen werden kann. Natürlich führt beides jeweils auf ein Ziel hin. Beim Konsum kann man vereinfacht von Triebbefriedigung sprechen, oder genauer individueller Triebbefriedung. Ich brauche was zum Anziehen und zum Essen. Das geht nicht anders. Personalisierter Konsum hilft mir, genau das zu finden, was mir gefällt. Wie dieses Gefallen entsteht, sei mal dahingestellt. Das führt hier zu weit. Bei der Bildung mag mich auch in gewisser Weise eine Triebbefriedigung treiben. Entweder indirekt, da ich mir mit einem Beruf ein Einkommen sichern kann, mit dem ich mir wiederum Essen und Kleidung kaufe. Oder direkt, weil ich wissen und können möchte. ABER: Der Konsum kann unbedingt personalisiert werden, denn letztlich ist das was ich erwerbe nur für mich. Wissen und Können können nur bedingt personalisiert werden, weil nicht jeder Universalgelehrter werden kann und ich mich darauf einlassen muss, dass ich bestimmte Fähigkeiten erlerne, damit ich in einem Beruf oder in einem Team diese Fähigkeiten zur Anwendung bringen kann. Will sagen: Wenn ich gelernt habe, wie man einen Zug steuert, heißt das noch lange nicht, dass ich ein Flugzeug fliegen kann. Hmm, der Vergleich hinkt ein bisschen. Was ich sagen will: Ich muss bestimmte Dinge erlernen, wenn ich mich für einen Beruf entscheide. Über dieses Muss kann man sich zwar hinweg setzen und naja, sagen wir mal, Aussteiger werden. Wenn ich mich aber entscheide, Elektroingenieur zu werden, brauche ich ein Curriculum und jemanden der oder die mir sagen kann, warum ich was lernen muss. Aber vielleicht ist mit Personalisierung im vorliegenden Fall ja auch nur die bedingte Personalisierung gemeint.

Beim nächsten Vortrag hat Frau Dr. Peetz von der Uni Hamburg einen interessant Aspekt der Hochschulpolitik angesprochen, der dieser Tage durch den Hamburger Senat gegangen ist, siehe der folgende Tweet:

Also kriegt man jetzt auch im Bundesland Hamburg Lehrermäßigung für Online-Inhalte. (kann man übrigens auf zwei Arten lesen: Lehrermäßigung.)

Prof. Jens Dittrich von der Universität des Saarlandes zeigt in einem kurzweiligen Vortrag seine Version des inverted classroom in der Informatik und stellt dabei seine Videos auch auf YouTube. Interessant war die Tatsache, dass die Studierenden beim fleißigen Kommentieren der Videos Bonuspunkte für die Endnote bekommen, ein Umstand, über den ich sicherlich nicht hier im Blog berichten darf.😉 Auch das elektronische Skript, von dem er sprach und bei dem ich nicht mehr so genau weiß, ob es noch kommen wird oder schon da ist, fand ich interessant. Ich stelle es mir wie ein interaktives E-Book vor und frage mich gerade, warum mein ehemaliges Team in Marburg noch nicht darauf gekommen ist… Prof. Dittrich unterstrich in seinem Vortrag die Tatsache, dass immer noch etwas mehr geht und man noch lange nicht am Ende angekommen ist. Das ist in der Lehre ja eigentlich immer der Fall. Man probiert aus, sieht das etwas klappt, aber manches davon noch nicht so richtig, und dann versucht man eine Variante. So ist das auch beim ICM.

Die Workshops am Nachmittag sind auf der ICM-Konferenz für mich deshalb immer sehr fruchtbar, weil die Zusammensetzung der Teilnehmden häufig sehr heterogen ist. So war das auch beim Workshop von Christian Kammler, der in Marburg für die Schulpraktischen Studien zuständig ist und mit seinen Praktikantinnen und Praktikanten Tablets einsetzt. Leider war zu wenig Zeit, um die Diskussion, die sich in unserer Gruppe entwickelte, richtig aufleben zu lassen. Interessant war vor allem, wie Schule und Hochschule beim Thema BYOD unterschiedliche Herangehensweisen vorweisen können. Ein gewisses Misstrauen gegenüber der vielen Endgeräte ist allerdings an beiden vorhanden.

Prof. Handke zeigt in seinem Workshop, der aber schon eher ein Vortrag war, die Grundzüge des Inverted Classroom Mastery Models (ICMM) auf, der eine formative Überprüfungsphase zwischen Online- und Präsenzphasen einfügt und so die Studierenden besser auf die Präsenzphase vorbereiten will. Sehr interessant war ein Ansatz, bei dem es nicht so sehr um adaptives Lernen als vielmehr um adaptives Üben geht. Dabei werden die erreichten Scores der formativen Assessments benutzt, um nach und nach schwierigere Übungen freizuschalten. Gamification, ick hör dir trapsen… Interessant auch, dass die schwereren Übungen von vorne herein sichtbar aber nicht bearbeitbar sind. Das hat mich an die noch nicht freigeschalteten Level in Computerspielen erinnert. Ich kann mir gut denken, dass hier der Ehrgeiz geweckt wird, diese Level freizuschalten. Bleibt abzuwarten, ob das auch mit dem Lernerfolg korreliert werden kann. Ich finde es aber schon immer wieder erfrischend, wie mein ehemaliger Chef Ideen aus dem Hut zieht, um seine Konzepte noch ein bisschen zu verfeinern.

Der Abschluss der Konferenz blieb Prof. Jörn Loviscach überlassen, dessen Vortrag „Digitale Beschulung ist noch keine Bildung“ betitelt war. In diesem Vortrag setzte er sich kritisch mit vielen Aspekte rund um das Thema Bildung auseinander und versuchte, Lösungen zu präsentieren. Den Begriff Bildung skizzierte er in den fünf Begriffen Denken, Durchhalten, Diskutieren, Darstellen und Distanzieren. Ich möchte zu jedem Begriff jeweils einen Gedanken diskutieren, den Prof. Loviscach ansprach und der mir in meinen Notizen hängen geblieben ist.

  • Denken: Dass Denken und besonders Nachdenken zur Bildung gehört, ist natürlich klar. Dass die strikte Fokussierung auf Berufsqualifizierung keine Bildung ist, ist auch klar. Wenn man aber mal beides zusammenbringt und darauf hinweist, dass es in den meisten Berufen nicht hinderlich ist, mal ab und zu zu denken, dann ist klar, welche Forderung hier rauskommen sollte: Das Denken ist eine Berufsqualifizierung. Man kann mich gerne in den Kommentaren mit Gegenbeispielen nerven.😉
  • Durchhalten: Prof. Loviscach stellt ganz richtig fest, dass es nicht Ziel sein kann, die Lernenden mit forciertem Durchhalten durch Gamification, Eye Candy oder Überwachung zu quälen. Durchaus ist aber die Präsenzphase dazu geeignet mit den stimmigen Mitteln und einem/einer motivierten Dozierenden zum Durchhalten zu „verführen“. Allerdings muss man dazu auch sagen, dass Gamification, Eye Candy und Überwachung nicht unbedingt etwas schlechtes ist. Natürlich in didaktisch vernünftigen Maßen eingesetzt, können alle drei Überredungskünste durchaus förderlich sein. Andererseits muss sich die Präsenzphase für den Lernenden lohnen und die große Frage ist, ab wann sie sich lohnt. Wieviele Faktoren müssen dabei berücksichtigt werden?
  • Diskutieren: Das ist, denke ich, eine der wichtigsten Aspekte von Bildung. Der Austausch von Ideen, Gedanken, Konzepten, usw. Wichtig ist das Diskutieren auf Augenhöhe, das hat auch Prof. Loviscach betont.

Hier kamen jetzt zwei Begriff, bei denen ich im ersten Moment nur an die positive Variante gedacht hatte.

  • Darstellen: Gemeint war nicht nur die Fähigkeit des Darstellens von Zusammenhängen zur Vermittlung an andere, also das was man Lehrenden zuschreibt. Sondern auch die Selbstdarstellung und alle negativen Seiten, die damit einhergehen.
  • Distanzieren: Prof. Loviscach zeigt auch bei diesem Begriff die dunkle Seite auf und sprach davon, dass Bildung häufig dazu benutzt wird, sich von anderen zu distanzieren. Ich hatte es insofern positiv aufgefasst, als es auch ein Zeichen von Bildung ist, sich von Dingen zu distanzieren, die im ein oder anderen Sinne schlecht sind. Ich überlasse es dem Leser/der Leserin zu definieren, welche Dinge das sein können.

An dem Punkt Distanzieren finde ich noch interessant, dass es auch aktuell in unserem Projekt damit ein Problem gibt. Wenn man sich überlegt, dass das Gesamtprojekt Aufstieg durch Bildung: Offene Hochschulen sich auch zum Ziel gemacht hat, „die Durchlässigkeit zwischen beruflicher und akademischer Bildung zu verbessern“ (→ Offene Hochschulen), gilt das in allen geförderten Projekten eher für Berufe, die schon eine akademische Bildung voraussetzen. Das ist sozusagen das von Prof. Loviscach angesprochene Matthäus-Prinzip in der Bildung.

Also, und das kann man schön als Fazit nehmen, gibt es nicht nur im kleinen Gebiet des ICM noch eine ganze Menge zu tun, sondern auch so ziemlich in der Gesamtsicht. Aber, um wieder auf das Thema zurück zu kommen, der Inverted Classroom ist als Konzept des Blended Learnings immer noch ziemlich frisch daher kommt und man mit vielen Stellschrauben rechnen muss, die es noch auszuprobieren gilt. Ich freue mich auf jeden Fall auch auf die Konferenz im nächsten Jahr, die bereits für den 24./25. Februar 2015 ausgerufen worden ist.

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