Rückblick auf das e-Prüfungs-Symposium in Aachen

Zum Schluss wurde ein Märchen erzählt. Ganz im Ernst: Die Veranstalter hatten sich ein Impro-Theater-Szenario hergenommen und ließ die Teilnehmenden des Symposiums das Märchen der Veranstaltung erzählen. Schön mit „Es war einmal…“ und Einführung und Problem und Lösung und Moral. Ich hab mich nicht getraut, auch was beizutragen, war aber auch ein bisschen platt nach einem langen Tag mit viel interessantem Input. Deshalb will ich hier mal mein (ohnehin für das eben genannte Format zu langes) persönliches Resümee zusammenfassen.

In unserem Projekt WM³ sind E-Prüfungen zwar auch ein Thema, aber die Umsetzung ist noch nicht so weit gediehen. Trotzdem war das Symposium für mich genau das, was mich momentan umtreibt, denn wir planen in der zweiten Projektphase eine umfassende Evaluation von E-Prüfungen in den beteiligten Weiterbildungsstudienangeboten. Zusammen mit den zwei Experten für E-Prüfung bei uns in der KOMM, Mirco Hilbert und Frank Waldschmidt-Dietz, hab ich also den weiten😉 Weg nach Aachen auf mich genommen.

Der Tag begann mit einer Reihe von Sätzen, die schon das gesamte Feld der E-Prüfungen bestimmen sollten, z.B. wurde der Rektor der RWTH Aachen zitiert, der im Zusammenhang mit E-Learning sagte, dass man Revolutionen nicht top-down verordnen könne. Und doch fehlte mir gleich am Anfang der Hinweis darauf, dass mit E-Prüfungen eben nicht nur die eher aus der Not heraus geborenen E-Klausuren und Scanner-Klausuren in Veranstaltung mit mehr als 200 Teilnehmenden gemeint sind. Lediglich ein Teilnehmer wies in der Fishbowl-Runde darauf hin, dass es ja auch noch so etwas wie E-Portfolios gibt. Bezeichnend ist auch, dass die didaktische Unterfütterung von E-Klausuren immer ein wenig bemüht mit den Punkten Multimediaeinbettung, Qualitätssicherung von Prüfungsfragen (meist SC und MC) und logistischen Annehmlichkeiten angeführt wird.

Der andere Punkt, der mir aufgefallen ist, ist die Tatsache, dass häufig endgültig argumentiert wird. Da sind auf der einen Seite MC-Fragen auf jeden Fall didaktisch sinnlos (was nicht stimmt) und auf der anderen Seite die flächendeckende Einführung von E-Prüfungen auf jeden Fall politisch sinnvoll (was auch nicht stimmt). Dass es dazwischen aber sehr viele Schattierungen und Mikrobedarfe gibt (ja, das Wort habe ich mir gerade selbst ausgedacht…), wird häufig übersehen. Ich gehe normalerweise nicht in eine Beratung hinein und habe bereits ein ausgearbeitetes E-Prüfungs-Konzept. Ich muss immer auf die verschiedenen kleinteiligen Bedürfnisse von Zielgruppen, Lehrenden und Studien- und Prüfungsordnungen eingehen. Im Idealfall in dieser Reihenfolge.

Ich will mal noch ein paar Aspekte herauspicken, die mir in den verschiedenen Vorträgen und Diskussionsrunden aufgefallen sind.

Da war zum einen der Vortrag von Dr. Katharina Schuster von der RWTH, die zum Thema Embedded E-Assessment einen interessanten Aspekt betrachtet hat. Sie hat ein Szenario beleuchtet, bei dem es um ein hohes Maß an von physisch-körperlicher Einbettung geht. Probanden wurden in einer Mixed Reality Simulation gebeten, eine Erinnerungsaufgabe zu bewältigen. Dazu bekamen sie eine Datenbrille und Datenhandschuhe und wurden auf eine Laufbänderkonstruktion gestellt, alles um die tatsächlich physische Bewegung im virtuellen Raum täuschend echt nachzubilden. Die These war, dass diejenigen, die mit einer möglichst authentischen körperlichen Erfahrung in einem virtuellen Labyrinth herumgehen und dabei an verschiedenen Stellen abgelegte Gegenstände memorieren sollten, dies besser bewältigen, als diejenigen, die nur vor dem Monitor sitzen. Allerdings war im Ergebnis genau das Gegenteil der Fall. Anscheinend war es so, dass die Probanden mit dem – pardon my french – „neumodischen Kram“ etwas überfordert waren und sich deshalb nicht genau auf die Aufgabe konzentrieren konnten. Frau Schuster hat darin einen Vorteil gesehen. Auch die wirkliche Realität ist hochkomplex und mit vielen Ablenkungen versehen. Insofern ist ein solcher Ansatz ihrer Meinung nach eine gute Vorbereitung auf die Arbeitswelt.

Dr. Lutz Goertz vom MMB hat eine gerade in der Veröffentlichung befindliche Studie vorgestellt, die die international angewendeten E-Prüfungs-Formate einer Bestandsaufnahme unterzogen hat und dabei 7 übergeordnete Formate ausgemacht hat, die man auch Kategorien nennen könnte. Interessant waren darüber hinaus die herausgearbeiteten 12 Dimensionen der Analyse:

  1. Phase im Lernprozess
  2. Ziel der Prüfung
  3. Art der geprüften Lernleistung
  4. Prüfungsmanagement
  5. Prüfer
  6. Prüfungskontext
  7. Identitätskontrolle
  8. Dokumentation des erfolgreichen Abschlusses der Prüfung
  9. Kosten- und Arbeitsaufwand
  10. Infrastruktureller Rahmen
  11. Unterstützungsangebot für die Prüfungsbeteiligten
  12. Rechtlicher Rahmen und Datensicherheit

Ich bin sehr auf die Studie gespannt und habe so das Gefühl, dass sie in unserem Projekt eine große Rolle spielen wird. Die 7 Szenarien für E-Assessment an Hochschulen sind die folgenden:

  • Self-Assessment
  • Low Cost
  • Safety
  • Mobile & Flexible
  • Massive
  • Gamification
  • Adaptive

Ich hätte nicht erwartet, dass dies die Kategorien sind, die dabei herauskommen. Aber wenn man sie sich länger anschaut, fängt man an, die Prüfungsformate einzuordnen und es macht tatsächlich Sinn. Wie gesagt, ich bin sehr auf die Studie gespannt.

Natürlich halten auch die Tablets Einzug in die Prüfungsverfahren und zwar sowohl auf Studierenden- als auch auf Lehrendenseite. Ein Schweizer Startup stellte beAXi vor, dass zwar noch nicht alle Features bieten kann, die Prüfungssysteme an der Hochschule beherrschen sollten, das aber zeigt, wohin die Reise gehen wird. E-Klausuren leiden häufig an dem Problem, dass es keine Räume gibt, wo sie geschrieben werden können. Die Stromversorgung ist dabei die größte Hürde. Bei Tablets ist das kein Problem. Schwierig wird es da eher mit der WLAN-Versorgung bei großen Kohorten.

Auf Lehrendenseite stellte Matthias Holzer vom Institut für Didaktik und Ausbildungsforschung in der Medizin des Klinikum der LMU ein Szenario aus der Medizin vor, bei dem die Prüfenden die Bewertung der Prüflinge auf einem Tablet statt auf Papier vornehmen und dabei keine nachträgliche Auswertung des Prüfbogens vornehmen müssen. Auch eine eher logistische Erleichterung, aber immerhin.

Schließlich waren für mich die kleinen Details wichtig, die man hier und dort gesehen und gehört hat. Wie zum Beispiel das Zeichen-Plugin für ILIAS, mit dem man Fragetypen erstellen kann, bei dem man auf eine leere Fläche oder auf Bilder zeichnen kann. Wenn ich unseren Zahnheilkundlern erzähle, dass man damit in Röntgenbildern Markierungen setzen kann, werden die ganz begeistert sein. Leider wird momentan noch an der automatischen Auswertung gebastelt, aber wir werden das Ganze im Auge behalten.

Auf jeden Fall hat mir das sehr gut organisierte und effizient strukturierte Symposium gezeigt, dass die Bestrebungen an den einzelnen Hochschulen schon sehr weit durchkonzipiert sind und dass wir selbst an der JLU auch recht gut aufgestellt sind. Und das ist kein Märchen…

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